Strategische Verortung 2016/2017

Die Verhältnisse, nicht das Klima zum Kippen bringen!

Im Dezember 2016 feiert ausgeCO2hlt fünfjährigen Geburtstag. Seit Ende 2011 kämpfen wir als Graswurzelgruppe gemeinsam mit anderen Initiativen gegen den Abbau und die Verstromung von Braunkohle im Rheinischen Braunkohlerevier und dabei immer auch GEGEN Klimawandel und FÜR die Änderung der Verhältnisse, in denen eine solch verheerende Zerstörung von Klima, Umwelt und Menschen überhaupt erst möglich ist.
Ganz bewusst haben wir uns im Jahr 2014 verstärkt mit der Degrowthbewegung beschäftigt und vernetzt, weil wir wissen, dass das bestehende Wirtschaftssystem überwunden werden muss, um unsere Ziele
zu erreichen. Im vergangenen Jahr haben wir uns darauf konzentriert, als Teil des Bündnisses „Ende Gelände“ eine Aktion Zivilen Ungehorsams im Rheinland durchzuführen, die es in dieser Form gegen Kohleinfrastruktur im deutschsprachigen Raum noch nicht gegeben hat. Aus unserer Sicht war dieser Schritt nötig und richtig, denn Ende Gelände war für die Klimabewegung ein Schub mit internationaler Ausstrahlung. Im Rheinland hat es den bestehenden, sehr vielfältigen Widerstand um
ein weiteres Element ergänzt. Die Aktion hat den Kampf, den wir hier führen, noch weiter öffentlich gemacht und neue Menschen politisiert. Dabei haben wir diesen Prozess auch kritisch begleitet (http://www.ausgeco2hlt.de/sommer-2015/strategische-verortung/).

Wo stehen wir (klima)politisch?

Das Klima-Abkommen in Paris wurde von Avaaz, Germanwatch und vielen anderen als Mega-Erfolg gefeiert. Wir sehen die positive Bezugnahme auf das 1,5 Grad Ziel als einen diskursiven Teilerfolg, der uns gleichzeitig das Genick brechen kann. Denn dieses Ziel ist in keiner Weise an verbindliche Maßnahmen geknüpft (auf deren Einhaltung wir im Übrigen nicht vertrauen könnten).
Im Gegenteil, mit den Maßnahmen, zu denen die Staaten sich bereit erklärt haben, würden wir auf einen drei-Grad-Pfad zusteuern und damit mit ziemlicher Sicherheit auf einen sich-selbst-beschleunigenden Klimawandel. (s.u.)
Der Jubel über das Abkommen vermittelt hingegen, dass die herrschende Klimapolitik auf einem guten Weg ist und es nur wenige Nachbesserungen bräuchte. Genau dies ist aus unserer Sicht aber ein gefährlicher Trugschluss. Denn die Maßnahmen, die innerhalb der Klimaverhandlungen beschlossen werden, richten sich nach der Realpolitik kapitalistischer Systeme, nach Großkonzernen und neokolonialen Herrschaftsverhältnissen und bleiben damit innerhalb der gleichen Logik, die das Problem verursacht hat. Beispiele dafür sind die marktbasierten Mechanismen wie REDD+, der Emissionszertifikatehandel oder Geo-Engineering-Maßnamen wie CCS. Sie ändern nichts an den Ursachen für unseren exzessiven Ressourcenverbrauch, sondern bringen uns nur noch weiter in Gefahr.
Treibhausgase oder die Folgen globaler Erwärmung machen nicht an den Grenzen von Nationalstaaten halt. Darum sind wir gegen Lösungen, mit denen einzelne Staaten ihre Emissionsbilanz zwar schön rechnen können, die aber klimaschädliche Produktion nur an einen anderen Ort verlagern. Globale Klimagerechtigkeit heißt für uns auch Solidarität und offene Grenzen für Menschen, nicht nur für die, die unter den Folgen industrieller Wirtschafts- undHandelspolitik leiden. Wenn wir realistische Chancen haben wollen den Klimawandel einzudämmen, dann müssen wir unser Handeln nicht an der Realpolitik ausrichten, sondern an der Realität des Klimawandels. Und diese Realität ist, dass wir schon jetzt das globale Klima verdammt nah an das Erreichen sogenannter Kipppunkte im Klimasystem gebracht haben. Wenn wir diese Kipppunkte überschreiten, kommt es zu einem Sich-Selbst-beschleunigenden Klimawandel. In solch einem Stadium des Klimawandels, hätten wir keinen Einfluss mehr auf ihn und er würde sowohl Millionen Menschen derzeit in Lebensgefahr bringen als auch die Lebensgrundlagen für zukünftige Generationen massiv zerstören. Es ist nicht sicher, wann die Kipppunkte überschritten werden oder
ob sie es bereits wurden. Schätzungen besagen, dass bei einer Erwärmung um 2 Grad eine 33prozentige Wahrscheinlichkeit einer Überschreitung besteht. Das zeigt deutlich, dass wir die Erde nicht beliebig weiter erhitzen können. Anstatt um Gradziele zu feilschen, müssen wir konkret werden und die Nutzung von fossiler Energie beenden. Unsere Forderung nach einem sofortigen Braunkohleausstieg ist somit keine radikale Floskel, sondern eine Notwendigkeit die sich aus der Dringlichkeit des Klimawandels ableitet.
Die Realität des Klimawandels zu benennen birgt die Gefahr, Tür und Tor für vermeintlich schnelle, autoritäre Methoden zu öffnen. Aber für uns bedeutet es genau das Gegenteil. Unsere Politik an dieser Dringlichkeit zu messen, heißt für uns nicht weniger, als alle Verhältnisse zu bekämpfen, die die Realität des Klimawandels Tag für Tag erschaffen. Das sind aus unserer Sicht, neben der kapitalistischen Industrie, die der Motor für unseren Ressourcenverbrauch ist, auch alle Herrschaftsverhältnisse, auf denen die Ausbeutung von Mensch und Natur beruhen. Denn aus diesen Verhältnissen ist der Klimawandel entstanden, der droht die Utopie eines guten Lebens für die nächsten Generationen zu nehmen.
Das Aufhalten des Klimawandels und das Schaffen des guten Lebens passieren für uns nicht nacheinander. Denn das gute Leben kann bereits in unserem Widerstand wohnen. In unserem Nein zur Zerstörung muss unserer Ja zum selbstbestimmten Leben laut werden. Dieses „Ja“ lebt für uns in allen Momenten in denen wir aus unserer Isolation ausbrechen und Solidarität zeigen. Es lebt für uns im gemeinsamen Durchfließen von Polizeiketten, um die dahinter liegenden Kohlebagger zu blockieren. Es lebt für uns im veganen Kuchen der den widerständigen Waldbesetzer*innen gebracht wird, und es lebt für uns in der Kooperation aller emanzipatorischen Einzelkämpfe, seien es feministische Interventionen, antirassistische Kämpfe oder das Ringen um selbstbestimmte Arbeitsverhältnisse. Lasst uns die Verhältnisse, nicht das Klima zum Kippen bringen!

Was es für das Rheinland und die Bewegung braucht

Was uns in vielen unserer Bündnisse verbindet, ist die Forderung: „System Change not Climate Change“. Aber am wenigsten reden wir in diesen Bündnissen über die große Frage: Wie soll dieser System Change eigentlich aussehen?Deswegen wollen wir auf den Klimacamps und zu vielen anderen Gelegenheiten Fragen diskutieren wie: Wie sieht die Welt aus, die wir uns wünschen? Wie kommen wir unseren Utopien näher? Welche „Skills for Change“ brauchen wir? Wie gehen wir mit dem Widerspruch um, dass grundlegende Veränderungen lange brauchen, wir aber angesichts des
Klimawandels nicht viel Zeit haben? Wie organisieren wir uns? Welche Alternativen braucht es fürjetzige „Kohlestandorte“? Was braucht es um nicht nur die schon Aktiven mitzunehmen?
Wir wollen nicht allein darauf hoffen, dass wir die „letzte Schlacht“ gewinnen . Wir wollen fragend voran schreiten und die Dinge gemeinsam umsetzen! Ja, wir meinen es verdammt ernst damit, dass wir selbst die Welt verändern müssen!
Seit 2011 arbeiten wir bei ausgeCO2hlt auch mit Mitteln der direkten Intervention und des zivilen Ungehorsams. Angefangen bei kleinen Sitzblockaden mit 60 Leuten, fortgeführt mit den ersten Baggerbesetzungen 2014, haben wir letztes Jahr mit 1500 Ungehorsamen unseren bisherigen Höhepunkt erreicht. Aber dabei wollen wir nicht stehen bleiben, sondern unsere gesammelten Erfahrungen reflektieren, aus ihnen lernen und sie zur weiteren politischen Eskalation unserer Bewegung einsetzen. Ende Gelände wird über Pfingsten (13.-16.05.2016) in der Lausitz stattfinden. Mit unserer Mobilisierungsfähigkeit und unserer Aktionserfahrung wollen wir zum Erfolg dieser Großaktion beitragen. Unser Schwerpunkt für den Sommer liegt im Rheinland. Auf dem Klimacamp, dass vom 19.-29.08.2016 stattfindet, wird es neben der Degrowth Sommerschule auch das Aktionslabor geben.
Wir veranstalten das Aktionslabor für mehr Innovation und Kreativität im Widerstand. Dabei wollen wir einen Raum für Vielfalt und Kreativität in Aktionsformen öffnen und auch mit Konzepten zwischen Massenaktion und Kleingruppe experimentieren. Wir möchten von anderen Bewegungen lernen; wollen Aktionen gemeinsam entwickeln und dabei nicht davor zurückschrecken, dass diese vielleicht auch nicht funktionieren könnten. Ziel ist es ebenfalls, Techniken zu entwickeln, wie wir in großen Aktionen selbstbestimmt und flexibel handlungsfähig sein können. Das können wir nicht alleine, sondern zählen auf viele unterschiedliche, kreative Aktionsgruppen, die eigene, vorbereitete Aktionen mitbringen. Die Breite und Unterschiedlichkeit unserer Bewegung kann und soll sich in den Aktionsformen widerspiegeln, auf das wir unsere Stärken kombinieren und unsere Schwächen ausgleichen können.
Dies ist auch Teil der Vorbereitung für das Flächenkonzept 2017 im Rheinland. Die Idee des Flächenkonzepts ist in Anlehnung an das Streckenkonzept gegen die Castortransporte im Wendland entstanden. Diese Idee wollen wir auf das Rheinländische Kohlerevier übertragen. An unterschiedlichen Orten im Revier können dabei diverse große und kleine Aktionen stattfinden.
Vorab wird abgesprochen, welche Aktionen in welchen Bereichen stattfinden. So können sich alle die Aktionsform suchen, die ihnen entspricht. Das hat den Vorteil, dass die unterschiedlichen Aktionen sich gegenseitig nicht in die Quere kommen, sondern vielmehr ergänzen. Dadurch wollen wir den Druck auf die Kohleindustrie auf ein neues Level heben. Bei all diesen Vorhaben ist es uns wichtig, dass wir innerhalb der Bewegung, in unseren Bezugs- und Politgruppen sowie persönlichen Beziehungen aufeinander und uns selbst achtgeben. Wir brauchen einen langen Atem und dafür benötigen wir auch Phasen der Regenerierung, auch wenn
das nicht immer leicht zu akzeptieren ist. Nachhaltiger Aktivismus soll sich in unserer Alltagspraxis wiederfinden; eine Änderung zu erwirken bedeutet für uns auch, dass wir schon im hier und jetzt machtsam und solidarisch mit uns und auch den Grenzen unserer Mitstreiter*innen umgehen. Dabei wollen wir uns eben dieser Privilegien bewusst sein.

Wie wir dies umsetzen möchten

Für die Überwindung aller Herrschaftsverhältnisse braucht es Organisierung von unten. Es braucht Menschen, die sich zusammen tun und mit anderen Gruppen vernetzen. So entsteht die Möglichkeit, sich auf ein Thema zu fokussieren. Gleichzeitig bleibt die Handlungsfähigkeit erhalten, um auch andere politische Kämpfe zu unterstützen. Es gilt, viele widerständige und resiliente Netzwerke zu knüpfen und verschiedene Kämpfe zusammenzuführen.
Organisierung wird für uns ein wichtiges Thema in den kommenden zwei Jahren: Wir wollen uns organisatorisch weiterentwickeln und enger mit befreundeten Gruppen auch über Orts- und Sprachgrenzen hinaus zusammenarbeiten. Wir wollen auf den Camps, die wir mitplanen, Organisations- und Entscheidungsstrukturen (weiter)entwickeln, die uns bei der Überwindung der bestehenden Verhältnisse nicht nur helfen, sondern diese erst möglich und liebenswert machen. So übersetzen wir derzeit die Broschüre „Organizing cools the Planet“ aus dem Englischen ins
Deutsche und wollen den Inhalt auf die Verhältnisse hier anpassen. Dafür möchten wir mit euch ins Gespräch kommen und auf Konferenzen, Abendveranstaltungen und nicht zuletzt auf dem Klimacamp über die Broschüre sprechen und darüber hinaus eine Organisationsdebatte führen.
Außerdem wollen wir neue Gruppen in ihrer Gründung unterstützen. Unsere regelmäßigen 2-Tages-Treffen, die alle sechs Wochen an unterschiedlichen Orten in und um NRW stattfinden, wollen wir dabei öffnen, so dass der erste Tag den Projekten gewidmet wird, die wir mit unseren Freund*innen gemeinsam realisieren. Wir können uns vorstellen, dass neuen Gruppen sich als ausgeco2hlt-Ortsgruppen gründen, oder auch als Gruppe mit eigenem Namen. So oder so ist uns eine gewisse Autonomie der Ortsgruppe ebenso wichtig, wie die Vernetzung und konkrete gemeinsame Projekte. Wir würden uns wünschen, dass diese Gruppen mit uns zusammen an Plänen arbeiten und bei den ausgeco2hlt-Wochenendtreffen einzelne Menschen aus diesen
Gruppen anwesend sind, die gemeinsam besprechen, was als nächstes ansteht und konkrete Aufgaben in ihre Orte zurück tragen. So können wir uns horizontaler organisieren, sind für Repression weniger angreifbar und können durch gegenseitigen Austausch wachsen.
Auch für die bundesweiten/transnationalen Zusammenhänge wie Ende Gelände würden wir uns wünschen, dass in zukünftigen Mobilisierungen die Bildung von autonom agierenden Klimaortsgruppen eine wichtigere Rolle spielt. Solche Ortsgruppen sind nicht nur entscheidend für den Bewegungsaufbau, sondern können auch der Zentralisierung von Aktionen vorbeugen.
Wir wollen nicht länger nur auf die sich verschärfenden Verhältnisse reagieren, sondern offensiv für das streiten, worum es uns geht. Dabei stellen wir uns die Überwindung aller Herrschaftsverhältnisse nicht als paradiesischen Zustand vor, der nach „der Revolution“ eintritt,
sondern als etwas, dass entsteht indem wir Herrschaftsverhältnisse zurück drängen. Den Ausstieg aus der Braunkohle sehen wir somit nur als einen Schritt mit dem wir klimaschädlich und kapitalistische Industrie zurück drängen. Wir sind der Meinung, dass wir den Klimawandel nicht erst nach der Überwindung des Kapitalismus aufhalten, sondern indem wir Kapitalismus zurück drängen und dabei eigene Wirtschafts- und Organisationsformen entwickeln. Doch diesen Weg können wir nur gemeinsam gehen.
Wir wollen, dass soziale Bewegungen miteinander arbeiten. Daher wollen wir bestehende Gruppen einladen, mit uns zu diskutieren und die Ideen weiter auszufeilen, um sich gemeinsam auf den Wegihrer Realisierung zu begeben. Wir wollen das Camp 2016 genau hierfür nutzen und gemeinsam mit unseren Freund*innen aus der Klimabewegung und der Degrowthbewegung an einem solchen Konzept arbeiten. Dieses soll eine gemeinsame Analyse, sowie Strategien und Handlungsperspektiven aufspannen. Das möchten wir in einem transnationalen, fortlaufenden Prozess tun. Nach unserem Camp wollen wir einen Entwurf hierfür in den Händen halten. Wir wünschen uns ein linksradikales europäisches, klimabewegtes Manifest bis Ende 2017.

ausgeco2hlt

 

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