Energiekämpfe für und gegen das gute Leben (Mai 2012)

Mit dem „buen vivir“ gegen den fossilen Kapitalismus

Über 200 Jahre extreme Ausbeutung so gut wie aller verwertbarer Ressourcen weltweit und permanentes Wirtschaftswachstum haben während der letzten Jahrzehnte massive ökologische Krisen verursacht, die sich weiter verschärfen. Der Klimawandel schreitet so schnell voran wie nie, so dass selbst das Worst-Case-Szenario der IPCC-Studien über den Klimawandel längst überholt ist. Regenwälder werden weiter in gigantischem Maßstab abgeholzt, um die letzten (fossilen) Ressourcen auszubeuten oder Energiepflanzen, wie Soja und Palmöl anzubauen und daraus Agrosprit herzustellen. Auch der nächste Klimagipfel Ende Juni in Rio de Janeiro wird daran nichts ändern. Die Regierungen vor allem aus den reichen Industrieländer werden wieder einmal auf marktbasierte und technologische Lösungen setzen, wie Emissionshandel oder CCS. Unter dem Titel „Green Economy“ phantasieren die Herrschenden eine energieeffiziente Wirtschaft, während im Golf von Mexico wieder Tiefseebohrungen nach Öl anlaufen und in Alberta, Kanada wegen des Abbaus von Ölschiefer eine Fläche so groß wie England abgeholzt werden soll.

Kämpfe um Energie im Kapitalismus

Es ist noch kein Jahr her, als in Libyen der letzte Krieg um die westliche Vorherrschaft über Ölquellen geführt wurde. Seit jeher ist die Kontrolle fossiler Energieträger ein Hauptgrund für militärische Interventionen, Konflikte und Putsche. Nur die Staaten, welche ihre Warenproduktion mit billig verfügbarer Energie versorgen können, setzen sich im globalen Wettbewerb durch. Das im Vergleich zu vorkapitalistischen Epochen enorme Wirtschaftswachstum der letzten beiden Jahrhunderte war nur dadurch möglich, dass zuerst Kohle und später zusätzlich Öl für die energieintensive Schwerindustrie verfeuert wurden. Wirtschaftswachstum, also die quantitative Steigerung der Produktion von Waren, ist heute wie damals immer noch an die Nutzung fossiler Energien gekoppelt. Die Hauptursache für die Senkung der Kohlendioxidemissionen in den westlichen Industrienationen sind nämlich nicht Windkrafträder oder Solar, sondern die Verlagerung von Industrien in Schwellenländer wie China. Dort geht jede Woche ein neues Kohlekraftwerk ans Netz, um noch mehr Waren herzustellen, die hauptsächlich in den reichen westlichen Ländern konsumiert werden.

Fossile Energien sind weltweit weiterhin auf dem Vormarsch und die Macht von Energiekonzernen so groß wie nie. Das beweist ein Blick auf die größten Unternehmen der Welt, unter denen vor allem Mineralöl- und Gaskonzerne zu finden sind, wie Shell, BP, Exxon Mobile und Chevron.

Ein Gutes Leben für alle

Doch welche globalen Gegenstrategien gibt es, um eine wirkliche Energiewende weltweit einzuleiten? Eine spannende Entwicklung gab es im letzten Jahrzehnt in einigen Staaten Lateinamerikas, die sich auf die Fahnen geschrieben haben eine Alternative zum Kapitalismus aufzubauen, welche die Natur schützt. Besonders rhetorisch an vorderster Front sind da Bolivien, Equador und Venezuela zu nennen, die alle einen Prozess der Verstaatlichung ihrer Rohstoffe eingeleitet haben und reich an Erdöl und/oder Gas sind. In Folge dessen konnte zwar die extreme Armut bekämpft werden, aber weiterhin auf Kosten von Naturzerstörung. Das hat dazu geführt, dass ein Großteil der politischen Bewegungen, wie die Graswurzelnetzweke via campesina und CONAIE, denen vor allem Indigene, Kleinbauern und Landlose angehören, dieser staatlichen Strategie entgegentreten. Mit der Idee des „buen vivir“ (Sumaq kawsay, Gutes Leben) haben sie ein Gegenkonzept von unten entworfen, welches sich unter anderem gegen den sogenannten „Extraktivismus“ richtet, also die rigorose Ausbeutung natürlicher Ressourcen. Das heißt auch, dass die sogenannten Entwicklungsländer nicht den gleichen Weg wie Industrieländer anstreben sollten, weil dieses Entwicklungsmodell auf Naturzerstörung beruht. Im Zentrum des buen vivir’s steht, dass sowohl jeder Mensch ein Recht auf ein gutes Leben hat, als auch die Natur eigene Rechte besitzt. Die Luft hat zum Beispiel ein Recht darauf frei von radioaktiven Stoffen oder giftigen Gasen zu sein. Dieses Verständnis schließt aus, dass Natur nur als Ware betrachtet wird, welche in Geld gemessen und den Interessen des Marktes unterworfen wird. Der kulturelle Ursprung für das „buen vivir“ liegt in der traditionellen Lebensweise indigener Völker, ihres Bewusstseins Teil allen Lebens auf der Welt zu sein und Gesellschaft lokal und partizipativ zu organisieren. Außerdem fließt in das Konzept einerseits die jahrzehntelange Erfahrung von politischen Kämpfen ein, wie der zapatistische Aufstand oder die Weltsozialforen und anderseits kritische Wissenschaften gegen den Kapitalismus. Das „buen vivir“ ist auch eine Kritik an dem westlichen Lebensstil, der „dolce vita“. Damit meinen die Bewegungen einen Konsumismus, der einigen wenigen Menschen zwar ein schönes Leben beschert, aber auf Kosten von Milliarden Menschen im Globalen Süden.

Gegenhegemonie als Strategie

Im April 2010 kamen in Cochabamba über 30.000 Menschen zur Weltkonferenz der Völker über den Klimawandel und die Rechte von Mutter Erde zusammen und setzten ein Zeichen gegen die falschen Lösungsversuche der ökologischen Krisen seitens der Regierungen weltweit. Mittlerweile sind in den Verfassungen der drei Länder, Bolivien, Equador und Venezuela die Rechte von „Pacha Mama“ (Mutter Erde) festgeschrieben, was bisher praktisch zwar noch nicht wirklich durchgesetzt ist, aber dazu geführt hat, dass der Diskus innerhalb der Zivilgesellschaft verändert wurde. Mit dem Gegenkonzept des „buen vivir“ konnte die Hegemonie der Ideen von Geld, Wachstum, Lohnarbeit zumindest teilweise gebrochen werden und lieferte den Anstoß in der Bevölkerung breit über eine lebenswerte Gemeinschaft von allem Leben zu diskutieren. Ein Beispiel für die Umsetzung des „buen vivir’s“ ist der Yasuni Nationalpark, der Artenreichste Regenwald der Welt, welcher in Equador liegt und unter dem geschätzte 846 Millionen Barrel Öl liegen. Zuerst wollte Präsident Rafael Correa das Öl ausbeuten, was unweigerlich zur Zerstörung des Regenwaldes geführt hätte, aber durch den Druck von indigenen Bewegungen läuft nun ein Projekt, um das Öl im Boden zu lassen. Über Unterstützungsgelder, die weltweit gesammelt werden, sollen 50% der erwarteten Einnahmen zusammenkommen mit denen ökologische und soziale Projekte finanziert werden. Wirklich sicher ist der Yasuni Nationalpark noch nicht, aber er zeigt, dass langjähriger Widerstand erfolgreich sein kann und es doch Alternativen zum bestehenden System gibt, die nicht auf Naturzerstörung beruhen.

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