Hintergrund
Klimacamp im Rheinland:
Für den sofortigen Braunkohleausstieg und eine atom- und kohlefreie Energieversorgung –
ökologisch, dezentral, sozial und selbstverwaltet
Warum ein Klimacamp im Rheinischen Braunkohlerevier?
Das Rheinische Braunkohlerevier ist Europas größte CO2 Schleuder. An diesem Ort zerstört der Energieriese RWE das Weltklima in gigantischen Ausmaßen. Die fünf Großkraftwerke sorgen alleine für 13% aller deutschen CO2 Emissionen, weil Braunkohle einer der klimaschädlichsten Energieträger überhaupt ist. Trotz propagierter Energiewende erlebt die Braunkohle eine Renaissance, was der steigende Verbrauch um 3% im letzten Jahr beweist und der Anteil von 25% im Energiemix von Deutschland. Nach dem Kriechgang Atomausstieg wird nun der sogenannte heimische Energieträger zur neuen Brückentechnologie ins Zeitalter der Erneuerbaren deklariert. Jedes Jahr stoßen die Kraftwerke im Rheinischen Braunkohlerevier 100 Millionen Tonnen CO2 aus und das soll, wenn es nach RWE ginge noch bis mindestens 2045 so weitergehen. Für den angeschlagenen Energiekonzern bedeutet das reichlich Profit, für hunderte Millionen Menschen besonders im globalen Süden der Verlust ihrer Lebensgrundlagen.
In den drei riesigen Tagebauen Garzweiler, Hambach und Inden bauen die größten Bagger der Welt auf bis zu 450 Meter tiefen den braunen Klimakiller ab. Auf werkseigenen Privatbahnen bringt RWE den Energieträger in die fünf anliegenden Großkraftwerke Neurath I & II, Frimmersdorf, Weisweiler und Niederaussem. Alleine das Kraftwerk Niederaussem hat eine Gesamtleistung von 3800 MW und gehört zu den dreckigsten in Europa. Derzeit plant RWE zwei weitere Blöcke mit einer Leistung von 1100 MW am Standort Niederaussem zu bauen und weitere Tagebaue und Kohlekraftwerke stehen auf der Wunschliste. Die lokalen Folgen des Braunkohleabbaus sind verheerend. Um die gesamte Infrastruktur am Laufen zu halten werden Dörfer abgebaggert, zehntausende Menschen umgesiedelt und ökologisch wertvolle Urwälder, wie der ehemals über 4500 Hektar große Hambacher Forst, abgeholzt. Der Hambacher Forst ist in seiner Struktur 12000 Jahre alt und ein Lebensraum für eine Fülle von bedrohten Tier-und Pflanzenarten, wie der Bechsteinfledermaus. Damit die Gruben nicht absaufen wird das Grundwasser in über 500 Meter Tiefe abgepumpt mit Auswirkungen, wie Bergschäden an Gebäuden und Infrastrukturin bis zu 20 Kilometer Entfernung von den Tagebaugebieten. Durch die Tag und Nacht laufenden Schaufelradbagger werden enorme Mengen Grob- und Feinstaub augewirbelt, sowie radioaktive Stoffe freigesetzt. Doch nicht nur das sorgt für eine enorme Gesundheitsgefährung für die umliegende Bevölkerung bis nach Köln und andere Städte, sondern auch die Giftstoffe aus den Braunkohlekraftwerken: Blei, Quecksilber, Arsen und Schwefel. Es ist bewiesen, dass Kohlekraftwerke tödliche Folgen für die Anwohner_innen haben. Für die Erweiterung der Tagebaue werden ganze Autobahnen verlegt und tausende Hektar wertvolles Ackerland gehen verloren. Klagen gegen diese Machenschaften waren erfolglos, weil das Bergrecht den Braunkohleabbau über die Grundrechte der Bevölkerung und zukünftiger Generationen stellt.
Die Klimakrise ist schon da!
Gleichzeitig spitzt sich die Klimakrise immer weiter zu. Weltweit steigen die CO2 Emissionen trotz noch so vieler Klimagipfel und scheinaktionistischen Lippenbekenntnissen der herrschenden Politiker_innen. Klimawissenschaftler_innen bestätigen in zahlreichen Studien, die menschengemachte Klimaerwärmung – falls sie nicht von der fossil-industriellen Lobby gekauft sind. Extreme Wetterereignisse häufen und verschärfen sich, wie Überschwemmungen, Dürren, Hurricanes und andere Stürme. Der Verlust der Artenvielfalt ist so hoch wie noch nie, fruchtbare Böden werden zu Wüsten und Krankheiten breiten sich aus. Schon heute leiden Millionen Menschen unter diesen Folgen – verelenden, werden in die Flucht getrieben und ihrer Lebensgrundlagen beraubt. Wenn die CO2 Emissionen nicht drastisch sinken könnten bald sogenannte Kipppunkte (tipping points) erreicht werden an denen Rückkopplungseffekte wie z.B. das Auftauen der Permafrostböden und der dadurch entstehende Methanausstoß eintreten, die den Klimawandel weiter antreiben. Dies würde eine weitere unkontrollierbare Beschleunigung des Klimawandels bedeuten und eine Erhöhung der Wahrscheinlichkeit, das weitere Kipppunkte wie die Versauerung der Meere, Austrockung der Regenwälder etc. erreicht werden, die die Erderwärmung noch einmal weiter anfeuern.
Eine Bewegung von unten gegen den Kapitalismus
Es ist nicht der Stand der Wissenschaft der entscheidend ist, sondern die Interessen der fossilen Industrien an Profitmaximierung und Wirtschaftswachstum. Auch ein grüner Kapitalismus wird den Widerspruch nicht aufheben können, dass steigende Warenproduktion an der Ausbeutung von fossilen Energien gekoppelt ist. Es werden weiter Regenwälder abgeholz werden, um die letzten Ressourcen auszubeuten und immer risikoreichere Technologien eingesetzt, um Schiefergas (fracking) oder Öl in der Tiefsee zu fördern. Der Rio +20 Gipfel wird wieder Mal ein Medienspektakel auf dem viel zur Diskussion steht, nur nicht die Logik des Marktes unter der ein Abbau von Ölschiefer und Braunkohle profitabler ist als erneuerbare Energien zu nutzen. Auf einem Gegengipfel werden diejenigen, welche am wenigsten am Klimawandel beitragen und am meisten darunter leiden ihren Widerstand sichbar machen.Wir sehen uns als Teil dieser globalen Gegenbewegung von unten aus Indigenen, Kleinbäuer_innen und Basisaktivist_innen, die ein gutes Leben (buen vivir) für alle Menschen auf der Welt fordert, ein Ende des auf Ausbeutung und Zerstörung (Extraktivismus) beruhenden Kapitalismus und einen respektvollen Umgang mit der Natur (pacha mama). Doch nicht nur im globalen Süden gibt es Widerstand gegen Ausbeutung, Herrschaft und Verelendung. Auf der ganzen Welt werden Energiekämpfe geführt – gegen Kohleabbau in den Appalachen, USA und in Schottland, gegen Teersande in Kanada und viele mehr. Es geht aber nicht nur um die ökologische Krise, sondern auch um die Soziale Frage. Immer mehr Menschen wird der Strom abgestellt, weil sie in Folge der allgegenwärtigen Sparpolitik verarmen. Es sind die gleichen autoritären Mechanismen des Systems, welche den Menschen weltweit die Selbstbestimmung über ihr Leben nehmen, Grenzen hochziehen und zu Kriege um die Vorherrschaft über Menschen, Land und Rohstoffe führen.
Schaffen wir einen Kristallisationsort für Energiekämpfe
Seit einigen Jahren wächst der Widerstand gegen den Klimakiller RWE. Nachdem die betroffene Bevölkerung im Rheinischen Braunkohlerevier über Jahrzehnte versucht hat gegen den Braunkohleabbau zu protestieren und klagen, entstand eine Antibraunkohlebewegung, die Energiekämpfe in die Region brauchte. Im Jahr 2008 wurde der BUND von seiner Streuobstwiese am Tagebau Garzweiler II geräumt und in den Jahren darauf wurden immer wieder Klimacamps organisiert und breite Bündnisse geschlossen. Die Formen des Widerstand waren vielfältig und haben sich immer weiter radikalisiert. Im Jahr 2011 gab es beim letzten Klimacamp die mit 12 Stunden längste Kohlezugblockade in Deutschland an der sich über 50 Aktivist_innen beteiligten. Seit April diesen Jahres ist der Hambacher Forst besetzt, um die Abholzung des Waldes und die Erweiterung des Tagebau Hambach mit direkten Aktionsformen zu stoppen.
Um den Braunkohleabbau zu stoppen braucht es eine vielfältige Bewegung. Ein unkonventionelles Zusammenwachsen von antikapitalistischen Linken, Bürgerinitiativen, Anarchos/as, NGO’s und vielen Anderen ist politisch notwendig. Außerdem braucht es verschiedene Aktionsformen von Kundgebungen, Demos bis zivilen Ungehorsam und direkten Aktionen, um einen Konflikt um Braunkohle zu erzeugen und sichtbar zu machen. Das Stoppen des Rheinische Braunkohlereviers ist ein strategisch wichtiges Ziel um eine sozial-ökologische Energiewende zu erreichen. Dort wird Klima- und Umweltzerstörung sowie die Gesundheitsgefährdung der Bevölkerung sinnlich erfahrbar und die komplexe Infrastruktur dieses größten Braunkohlekomplex in Europa bietet eine Vielzahl von Handlungsmöglichkeiten. Genau deshalb ist das Revier ein idealer Kristallisationsort für Energiekämpfe, wo sich Menschen politisieren und selbst ermächtigen können.
Was ist ein Klimacamp?
Die Idee von Klimacamps entstand 2006 in Großbritannien als dezentrale Antwort auf die immer erfolgloseren massenhaften direkten Aktionen beim Gipfelhopping der Antiglobalisierungbewegung. Nach den Aktionen gegen die Weltklimakonferenz 2009 in Kopenhagen wurde deutlich, dass solche Großspektakel zwar 100.000 Menschen mobilisieren können, jedoch nicht mehr sind als ein Appell an die Herrschenden und somit einer offensiven Bewegung, welche sich selbst ermächtigt nicht genug sind. Das Klimacamp im Rheinland versteht sich als Teil der weltweiten Klimacampbewegung, welche auf vier Säulen basiert: (direkte) Aktionen, nachhaltiges Zusammenleben, Bildung und Vernetzung.
Wir wollen in diesem Jahr an die erfolgreichen Aktionen unseres Klimacamps im letzten Jahr 2011 anknüpfen, auf dem es eine Schienenblockade, Kleingruppenaktionen, (Fahrrad)Demonstrationen und Kundgebungen gab. Damit wollen wir jede_r ermöglichen an Aktionen teilzunehmen, je nach eigenen Erfahrungen und Entscheidungen. Wir werden gemeinsam auf dem Camp einige Aktionen planen und bieten alle den nötigen Raum Aktionen selbst zu organisieren.
Unser Klimacamp will so ressourcenschonend wie möglich sein und ein solidarisches, radikal demokratisches Zusammenleben ermöglichen. Es soll eine Alternative zur konsumistischen, kapitalistischen Lebensweise bilden, in der Menschen vereinzelt auf Kosten von anderen leben. Die Vokü wird bio-veganes Essen kochen, unseren Strom beziehen wir fast ausschliesslich aus Erneuerbaren Energien, wie Solar und Wind, und unsere Kompostklos brauchen keine Chemie.
Das Klimacamp soll ein Raum für emanzipatorische Bildung sein. Das heisst es soll keine Lehrprivilegien über Hierarchien durch Titel geben, wie in Bildungsinstitutionen wie Schule oder Universität. Außerdem ist unser Anspruch an Bildung nicht objektiv oder wertfrei, sondern gilt dem Ziel eine befreite Gesellschaft zu schaffen, die ein gutes Leben für alle(s) ermöglicht ohne Trennung von Mensch und Natur. Jede_r kann selbst Workshops anbieten, ob vorher angekündigt oder spontan auf dem Camp.
Ein Klimacamp ist ein Ort für Vernetzung und Austausch. Wir möchten nicht nur unsere Szene ansprechen, sondern verschiedene Spektren und Themen. Egal ob Mitglieder_innen von umwelt- und entwicklungspolitischen Organisationen, Parteien, Anwohner_innen, Linksradikale, Gewerkschaften oder Anarchist_innen. Wir sind solidarisch mit anderen emanzipatorischen Kämpfen auch jenseits vom Widerstand gegen Kohle, wie der Antiatombewegung, der Antirassismusbewegung, Antimilitarismus und andere.
Unser Klimacamp setzt sich für einen gleichberechtigen und solidarischen Umgang miteinander ein und hat keinen Platz für Nazis, Sexismus, Antisemitismus und Rassismus jeglicher Art.
Wofür wir uns einsetzen:
Unser Ziel ist eine freie, ökologische und solidarische Gesellschaft. Um unseren Ziel nach einen besseren Leben für Alle einen Stück näher zu kommen konzentrieren wir uns Klima- und Energiefragen. Ein stabiles Klima als unsere Lebensgrundlage hat die höchste Priorität, um auch in Zukunft ein gutes Leben allen zu ermöglichen. Gleichzeitig spiegelt unser Umgang mit Energie die Machtverhältnisse in unserer Gesellschaft und Entwicklungschancen von uns und anderen wieder. Deswegen setzen wir uns für eine Energiedemokratie ein, in der die monopolartigen Engergiekonzerne wie RWE zu gunsten einer denzentralen, ökologischen und sozialen Energieversorgung in Bürger_innenhand vergesellschaften werden. Die Wege dorthin sind vielfältig wie z.B. von Netzübernahmekampagnen, Energiegenossenschaften oder Revitalisierung von Stadtwerken. Allen Wegen gemeinsam ist, das es darum geht Klima- und Generationengerechtigkeit praktisch werden zu lassen in dem wir Entwicklungsperspektiven für alle jenseits des kapitalistischen Wachstumszwangs schaffen. Unser Schicksal ist mit den der Menschen im globalen Süden sowie zukünftigen Generationen direkt verknüpft und die Anerkennung die lebendigen Verbindungen ist die Grundlage für eine gerechtere und ökologischere Gesellschaft. Wie diese postindustrielle Gesellschaft aussieht können wir nicht einfach beantworten. Dazu müssen wir uns gemeinsam auf den Weg machen!
Auf nach Manheim zum Klimacamp im Rheinland

Deutsch
